Eine Publikation des Dr. Harnisch Verlags

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    Das fng MAGAZIN ist der unabhängige Markenmonitor für den Lebensmittelhandel. Es versteht sich als das Forum qualitätsorientierter und unverwechselbarer Markenhersteller.

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    Aktuelle Ausgabe
    Aus der fng2:

    Sieger und Verlierer der Pandemie

    „Lass niemals eine Krise ungenutzt“, sagte einst der wohl bedeutendste britische Premierminister Winston Churchill. Er musste es wissen, denn er regierte in den Kriegsjahren von 1940 bis 45 das Vereinigte Königreich, dann noch einmal in den Aufbaujahren von 1951 bis 55. Das waren harte und von vielen Krisen geschüttelte Zeiten. Auch die gegenwärtige Corona-Pandemie ist eine Krise, die unsere ganze Welt in ihrem Bann hält. Sie hat bis heute Millionen von Menschenleben und Existenzen gekostet.

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    Blicken wir mal von all dem menschlichen Leid auf die Wirtschaft. Allein in Deutschland waren im Januar nach Berechnungen des Münchener Ifo-Instituts 2,6 Millionen Frauen und Männer in Kurzarbeit, 400.000 mehr als im Dezember. 7,8 Prozent aller sozialversicherungspflichtig beschäftigten Arbeitnehmer waren davon betroffen, gegenüber 6,6 Prozent im Dezember. Besonders hart erwischt hat es Hotels und Gaststätten. Allein in dieser Branche sind geschätzt 594.000 Menschen in Kurzarbeit, knapp 56 Prozent aller Beschäftigten. Auch die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist gestiegen, und zwar auf knapp 900.000, 80.000 mehr als im Dezember, aber – auch dies sei bemerkt – 400.000 weniger als während der Finanzkrise 2008/09.

    Nach der ersten Coronawelle hat die deutsche Wirtschaft ja einen Aufholprozess erlebt. Doch die neuerlichen Corona-Beschränkungen haben das Wachstum zum Ende des Jahres gewaltig gedrückt, aber nicht unter die Nullmarke. Denn das Bruttoinlandsprodukt stieg im Vergleich zum Vorquartal immerhin um 0,1 Prozent. Während vor allem der private Konsum und die umfassende Schließung aller Geschäfte außer Lebensmittel- und Drogeriemärkten sowie Kiosks, Tankstellen und Take-away-Restaurants gegen Null steuerten, stützten Bauinvestitionen und Warenexporte die Wirtschaft. „Bis jetzt sind wir mit einem blauen Auge davongekommen“, sagen Branchenexperten. „Aber dieser Eindruck ist nicht mehr als eine Momentaufnahme.“

    Gewinner der Krise sind Versandhandel und Fertiggerichte

    Und in der Tat: Die Ausfuhren deutscher Waren sind 2020 trotz kurzzeitiger Erholung so stark zurückgegangen wie zuletzt während der weltweiten Finanzkrise. Sie fielen insgesamt um fast zehn Prozent.

    Wie immer in Krisenzeiten, vor allem in einer Pandemie wie der jetzigen, gibt es Gewinner und Verlierer. Auf der Siegerstraße ist ganz klar der Versandhandel. Einen Rekordumsatz von 100 Milliarden US-Dollar legte im dritten Quartal 2020 allein Amazon hin. Das vierte Quartal mit dem Weihnachtsgeschäft und dem gegenwärtig anhaltenden Lockdown führen wahrscheinlich zu einer weiteren Steigerung. Auch die deutsche Post verbucht wegen des gigantischen Paketversands Rekordgewinne. Dies gilt natürlich generell für den gesamten Versandhandel. Denn wo sonst können sich die Bürger zurzeit mit Kleidung, Möbeln, elektronischen Geräten und vielem mehr eindecken?

    Wenn wir einen Blick auf den Lebensmittelmarkt werfen, sind die Hersteller von Fertiggerichten auf der Siegerstraße. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden allein von Januar bis September 2020 in Deutschland etwa 1,1 Millionen Tonnen Fertiggerichte produziert, knapp 50.300 Tonnen oder 4,5 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Homeoffice sowie die Schließung von Kantinen und Restaurants waren und sind auch jetzt noch die Antreiber des Absatzes. Besonders gefragt im erwähnten Zeitraum waren Gemüse-Fertiggerichte wie zum Beispiel Eintöpfe. Allein davon kamen 150.000 Tonnen in den Handel, 7,4 Prozent mehr als im Vorjahrszeitraum.

    Produkte wie Tiefkühl-Pizzen und –Baguettes verzeichneten mit einer Gesamtmenge von rund 480.000 Tonnen ebenfalls ein Plus von 5,4 Prozent. An Fertiggerichten aus Teigwaren wurden 263.000 Tonnen hergestellt, ein Zuwachs von 4,6 Prozent.

    Überhaupt haben derlei Kreationen in der Bevölkerung während der vergangenen Jahre stark an Beliebtheit gewonnen. Das Sortiment wurde vielseitiger und qualitativ immer besser. Deutschland ist in Europa der drittgrößte Absatzmarkt für Fertiggerichte, hinter Großbritannien und Frankreich. Insgesamt – so lautet die Prognose – wird der deutsche Markt für Fertiggerichte bis zum nächsten Jahr auf einen Absatz von etwa 4,6 Milliarden Euro emporschnellen. Auch im Homeoffice wollen die Menschen vor allem während der Arbeitstage nicht lange am eigenen Herd stehen, sondern bevorzugen gern fix zu fertigende und schmackhafte Alternativen.

    Opfer der Krise sind große Events und die Bierbranche

    Große Verlierer in der Lebensmittelbranche während dieser Pandemie sind die großen Messen in Deutschland. Die Bio Fach in Nürnberg abgesagt, die Grüne Woche in Berlin abgesagt, die Pro Werin in Düsseldorf abgesagt, das so schöne Symposium Feines Essen + Trinken in München abgesagt, ein einziges Trauerspiel. Der ganze Tross, der hinter diesen Events steht, Logistik-, Gastro-, Veranstaltungs-Personal, niemand wird gebraucht, zig Existenzen stehen auf der Kippe.

    Ebenso dramatisch betroffen von dem unheimlichen Virus Covid 19 ist die Bierbranche. Der Deutsche Brauer-Bund bezeichnet die Lage als hoch dramatisch und in der Nachkriegszeit ohne Beispiel. Geschlossene Bars und Restaurants, abgesagte Großveranstaltungen wie das Münchener Oktoberfest, der Hamburger Dom, der Bremer Freimarkt oder in diesem Winter der Karneval in den Hochburgen Köln, Düsseldorf und Mainz haben den Bierabsatz mächtig in den Keller gedrückt. Und die hier genannten Events sind ja nur einige von tausenden. Allein im April letzten Jahres betrug der Rückgang 17,3 Prozent, im Mai waren es 13 Prozent, und auch jetzt – nach einer kleinen Erholung im Sommer – geht es wieder rasant nach unten. Nach einer Umfrage haben die Brauereien 2020 ein Umsatzminus von im Mittel 23 Prozent erlitten. Der monatelange Lockdown, der Ausfall von Events und der Einbruch wichtiger Auslandsmärkte haben die Brauwirtschaft in den Kollaps gestürzt. Je größer das Gastronomie- und Veranstaltungsgeschäft einer Brauerei, desto verheerender die finanziellen Verluste.

    Die bittere Stunde rückt mit jedem Tag des immer neu verlängerten Lockdowns für viele Brauer, Getränkehändler und Gastronomen näher. Denn an den eingelagerten Bierfässern tickt unerbittlich die Zeitbombe des Mindesthaltbarkeitsdatums. „Das ist der Alptraum“, sagt der Chef einer Düsseldorfer Hausbrauerei. Um die 3.000 Liter Altbier muss er entsorgen, das im Oktober abgefüllt wurde. Und es kommt noch schlimmer: Großhändler, die ihr Bier nicht mehr loswerden, bringen den Gerstensaft zum Vernichten in die Brauerei zurück. „Das passiert gegenwärtig überall in Deutschland“, sagen Experten. „Bis zum erhofften Ende des Lockdowns werden es in Deutschland einige hunderttausend Hektoliter sein.“

    Kein Wunder, dass der Brauer-Bund gezielte und entschiedene Hilfen von Bund und Ländern für die betroffenen Betriebe fordert. Die 1.500 überwiegend mittelständischen Unternehmen gingen bei den staatlichen Hilfen bis auf wenige Ausnahmen leer aus. Hauptgeschäftsführer Holger Eichele: „Wir sprechen von Brauereien, die sich schon seit Generationen in Familienbesitz befinden, die Weltkriege, Wirtschafts- und Währungskrisen überstanden haben, und nun völlig unverschuldet vor dem Aus stehen.“

    Lediglich diverse Craft-Beer-Spezialisten, die weniger auf die Gastronomie angewiesen sind, haben die Krise mit originellen Ideen wie Werksverkauf von Fünf-Liter-Fässern und zuverlässigem Lieferdienst sowie ständigem Zugang zum örtlichen Getränkehandel einigermaßen gut überstanden.

    Wie geht´s nun weiter? Milch, Butter, Kaffee und viele andere Lebensmittel werden in diesem Jahr teurer, sagt Bundesbankpräsident Jens Weidmann, wegen der CO2- und der wieder gestiegenen Mehrwertsteuer. Die Inflationsrate werde in diesem Jahr eher bei drei Prozent landen. Einen Lichtblick gibt es immerhin: Mit Rückkehr des öffentlichen Lebens werde die Konjunktur zum Sommer hin wieder erkennbar anziehen, meinen Wirtschaftsfachleute. Hoffentlich haben sie Recht!

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